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Was vom Sommer übrig­blieb

Arno Nadels Zeichnungen und Auf­zeichnungen als Zeit­zeugnisse

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Das Jüdische Museum Berlin (JMB) bewahrt rund 450 Zeichnungen sowie Skizzen-, Noten- und Notiz­hefte des Künstlers Arno Nadel auf. Er wurde 1878 in Wilna (heute Litauen) geboren und zog um die Jahrhundert­wende nach Berlin. Dort machte er sich als Komponist, Schrift­steller, Musiker und Maler einen Namen. Viele Jahre war er Chor­dirigent an der Synagoge Kott­busser Ufer (heute Fraenkel­ufer), komponierte und reformierte Synagogen­musik, sammelte und publizierte jiddische Volks- und Liebes­lieder, schrieb Gedichte und Theater­stücke und begann im Alter von vierzig Jahren auch zu malen – als Auto­didakt mit Pastell, Kreide und Tusche.

Arno Nadels zeichnerisches Werk

Besonders interessierten ihn Porträts: Neben mehreren Selbst­bildnissen zeichnete er seine Töchter Ellen und Detta, seine Frau Anna Guhrauer sowie zahl­reiche, bisher unidenti­fizierte Musen und Weg­gefährt*innen. Seine Werke sind farben­froh, ausdrucks­stark und wirken teils sogar über­mütig. Ein markantes Stil­mittel ist die Kombination von Bild und Text – oft fügte er Namen, Wörter oder Zitate in seine Zeichnungen ein. In den 1920er-Jahren entstand eine Serie zu Theater­stücken, in der er unter anderem die Auf­tritte des Moskauer Habimah-Theaters in Berlin oder Max Rein­hardts Artisten fest­hielt. In den 1930er-Jahren folgte der Zyklus Biblische Gestalten mit rund 40 Porträts biblischer Figuren.

Nadels Zeichnungen sind nicht nur beein­druckende Kunst­werke, sondern auch bedrückende Zeug­nisse ihrer Zeit: Sie zeigen die Wohnung, die Nadel 1941 ver­lassen musste, Sommer­land­schaften, die er 1942 nicht mehr besuchen durfte, und enge Freund*innen, die später deportiert wurden.

Gemälde einer Person, die auf einem rosa Kissen liegt, mit vielen Schwarz- und Grautönen.

Arno Nadel, Farbige Pastell­zeichnung einer lachenden Frau, auf einem rosa Kissen liegend, ohne Jahr, Pastell und Tusche auf Karton, 53,9 x 75,1 cm; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 1999/96/58, Foto: Jens Ziehe

Ein Tage­buch über den Bücher­raub der Nazis

1938 wurde Arno Nadel mehrere Wochen im KZ Sachsen­hausen inhaftiert. Eine Freundin der Familie erlebte ihn nach seiner Rück­kehr als gebrochenen Mann. 1941 wurden er und seine Frau zwangs­weise in eine Ein­zimmer­wohnung ein­quartiert. In einem Brief an seine Tochter Detta, die mit ihrem Mann nach New York emigrieren konnte, schrieb er:

„Meine Gold­kinder – der Wohnungs­wechsel!!! Wir haben ein Zimmer bei sehr lieben Menschen – nur müsst ihr Euch alles, alles mit Phantasie ausdenken. Es ist eben kein Heim, und meine Atmo­sphäre ist völlig hin. Ich male nicht, ich mache keine Musik, Gott sei Dank, dass ich wenigstens mein zweites Haupt­werk, ich meine den ,weis­sagenden Dionysos‘, zu Ende diktieren kann.“

Ab Februar 1942 wurde er zur Zwangs­arbeit in der Bibliothek des Reichs­sicherheits­haupt­amtes ver­pflichtet. Dort musste er die von der Gestapo geraubten Bücher packen, stapeln, sortieren und kata­logisieren. Während dieser Zeit begann er ein Tage­buch, das er als sein drittes Haupt­werk betrachtete. Darin setzte er sich philosophisch mit den Büchern aus­einander, die er in der „G.-U.“, wie er die Bibliothek in der Eisenacher Straße 12-13 in Berlin-Schöne­berg nannte, in den Händen hielt. Sein Tage­buch ist also nicht nur Aus­druck seiner Gedanken­welt, sondern dokumentiert auch den systematischen Bücher­raub der National­sozialisten. Zudem hielt er darin regel­mäßig seinen Alltag fest – die zunehmenden Selbst­morde und „Evakuierungen“ im Freundes­kreis sowie die wachsende Ver­zweiflung und Aussichts­losigkeit.

Kohlezeichnung eines Boots mit drei Personen darin.

Arno Nadel, Sommer­szene, August 1939, Kohle auf Papier, 22,5 x 32,3; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 1999/96/17, Foto: Jens Ziehe

Der letzte Sommer

Unter den Zeichnungen im JMB befinden sich auch Land­schafts­skizzen, die Nadel im Sommer 1939 in der Nähe von Potsdam zeichnete. Drei Jahre später schrieb er dazu in sein Tagebuch:

„Wo sind meine Sommer­zeichnungen, das Baden, das Boot- und Dampfer­fahren, die Fülle der Ufer, die nackten und halb­nackten Menschen im und am Wasser […]. Sollte es so bleiben müssen, dann möge es der letzte Sommer sein – endlich weiß ich, was Freiheit bedeutet.“

Tatsächlich sollte der Sommer 1942 Arno Nadels letzter sein. Als er am 10. März 1943 von der Zwangs­arbeit zurück­kehrte, fand er die Wohnung ver­siegelt vor: Anna Nadel war „abgeholt“ worden. Freund*innen boten ihm ein Versteck an, doch er entschied sich, seiner Frau zu folgen. Arno und Anna Nadel wurden am 12. März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Porträtzeichnung eines Mannes, um dessen Kopf hebräische Buchstaben gemalt sind.

Arno Nadel, Selbst­porträt, ca. 1920 –1938, Pastell auf Papier, 62,5 x 44,8 cm; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 1999/96/106, Foto: Jens Ziehe

Wie über­lebten seine Zeichnungen?

Bis zum Schluss pflegte Arno Nadel seinen immer weiter schrumpfenden Freundes­kreis und hielt auch engen Kontakt zu nicht­jüdischen Freund*innen. Im Bewusst­sein, dass er sein eigenes Leben nicht mehr retten konnte, übergab Arno Nadel ihnen, die vor Ver­folgung sicher waren, seine wichtigsten Manu­skripte, Noten, Zeichnungen und sein Tage­buch. So blieb ein Teil seines Werks erhalten und befindet sich heute in öffent­lichen Ein­richtungen in Jerusalem, New York und Berlin.

Die Zeichnungen, die heute im JMB sind, wurden von seinem Freund Walter Heinrich auf­bewahrt. Beide verband die Liebe zur Philosophie und die Ablehnung der NS-Diktatur. Warum die Werke nach dem Krieg bei Heinrich blieben und nicht an Nadels Töchter in den USA bzw. Frank­reich gingen, ist unge­klärt. Nach Heinrichs Tod gelangten sie über Umwege in den Kunst­handel und schließlich ins JMB.

Derzeit stehen wir in Kontakt mit Arno Nadels Erb*innen und suchen mit ihnen gemeinsam nach einer gerechten und fairen Lösung für seine Zeichnungen.

Elisabeth Weber, Provenienz­forscherin am JMB

Behind the Scenes: Provenance Research at the JMB (2)

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