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Schwarzweiß-Fotografie: Festlich gekleidete Menschen beim Tanzen, im Hintergrund ist eine mit zwei israelischen Fahnen geschmückte Bühne zu sehen, auf der eine Musikkapelle spielt.

Leonard Freed, Simchat Tora-Ball, Köln, 1961; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2006/198/8

Deutsche Juden heute

Leonard Freed

Weniger als 20 Jahre sind seit dem Ab­grund der Schoa ver­gangen, als der ameri­kanisch-jüdische Foto­graf Leonard Freed (1929–2006) Anfang der 1960er-Jahre mehrere Monate durch West­deutschland reist. Mit seiner Kamera möchte er fest­halten, wie deutsche Juden heute leben. Freed ist es ein An­liegen, mit seinen Auf­nahmen der Un­wissen­heit der Deutschen über die un­sicht­bare jüdische Minorität in ihrem Land ent­gegen­zu­wirken. Er foto­grafiert in mehreren jüdischen Ge­mein­den, vor allem in den Gegenden um Frank­furt und Düssel­dorf.

11. Nov 2024 bis 27. Apr 2025

Übersichtsplan mit allen Gebäuden, die zum Jüdischen Museum Berlin gehören. Der Libeskind-Bau ist grün markiert

Wo

Libeskind-Bau EG, Eric F. Ross Galerie
Lindenstraße 9–14, 10969 Berlin

52 seiner Foto­grafien werden 1965 unter dem Titel Deutsche Juden heute publi­ziert und mit Text­beiträgen kombi­niert. Sie nehmen die jüdische Gemein­schaft in den Blick und disku­tieren über das Verhältnis von Juden und Deutschen. Jüdisches Leben ist fragil, es existieren nur wenige kleine Gemein­den, deren Existenz in- und außer­halb Deutsch­lands um­stritten ist. Die Themen aus dem Buch von Freed werden auch in zwei Publikationen verhandelt, die bereits in den Jahren 1963 und 1964 erscheinen: In einer Aus­gabe des Nach­richten-Magazins Der Spiegel mit der Schlag­zeile „Juden in Deutsch­land“ sowie einem von Her­mann Kesten heraus­ge­gebenen Band mit dem Titel ich lebe nicht in der Bundes­republik. Die Frage nach der Mög­lich­keit, als Jüdin oder Jude in Deutsch­land zu leben, prägt eine De­batte, die bis heute an­dauert.

Alle 52 Foto­grafien der Serie von Leonard Freed sind Teil der Museums­samm­lung und wurden von der Witwe des Foto­grafen, Brigitte Freed, an­ge­kauft. Sie wer­den hier zum ersten Mal komplett aus­gestellt. 

Vertiefende Beiträge der Kuratorinnen zur Ausstellung Deutsche Juden heute

Leonard Freeds Foto­serie Deutsche Juden heute

1961 und 1962 nimmt Leonard Freed die jüdische Gemein­schaft in West­deutsch­land in den Blick. Es ist nicht das erste Mal, dass er sich einem jüdischen Thema widmet. Bereits 1954 foto­grafiert er ortho­doxe Jüdinnen und Juden in Williams­burg, in Brooklyn, New York, wo er geboren und auf­gewachsen ist. 1958 ver­öffentlicht er 52 Auf­nahmen einer um­fang­reichen Serie über jüdisches Leben in Amster­dam in seinem ersten Buch Joden van Amster­dam.

Für sein Projekt in Deutsch­land foto­grafiert er vor allem in den Gegenden um Frank­furt und Düssel­dorf, aber auch in Bad Sobern­heim, Berlin, Dachau, Essen, Ham­burg, Köln, Mainz, Mün­chen, Nürn­berg, Offen­bach, Waren­dorf, Worms, im Wester­wald und in der Burg Reichen­stein. Nur wenige Auf­nahmen kommen ohne Menschen aus. Die Personen­ab­bildungen sind keine klassi­schen Porträts, sondern geben Situationen und Stimmungen wieder.

Der historische Kontext

Nicht einmal 20 Jahre sind seit dem Ende der Schoa ver­gangen. Die wenigen jüdischen Ge­mein­den sind klein, insge­samt leben um die 25.000 Jüdinnen und Juden in West­deutsch­land. Ihre An­wesen­heit im „Land der Täter“ ist alles andere als selbst­ver­ständ­lich. Die meisten sind aus Mangel an Alter­nativen dort und sitzen „auf ge­packten Koffern“. Auch außer­halb Deutsch­lands werden sie mit Un­ver­ständnis beobachtet. Und die Mehr­heits­gesell­schaft ist weiter­hin durch Anti­semitis­mus ge­prägt. Die Auf­arbeitung des National­sozialis­mus kommt nur lang­sam in Gang. Nach dem Eich­mann-Pro­zess 1961 in Jeru­salem braucht es zwei weitere Jahre, bis der Auschwitz-Prozess in Frank­furt statt­findet. Diplo­matische Be­ziehungen zwischen der BRD und Israel werden erst 1965 auf­genommen. Im selben Jahr dis­kutiert der Bundes­tag über die Ver­jährung von NS-Un­recht, gleich­zeitig wünschen sich nicht wenige Bürger*innen einen „Schluss­strich“. 1966 tagt der jüdische Welt­kon­gress in Brüssel, um über das Thema „Deutsche und Juden – ein un­gelöstes Problem“ zu dis­kutieren – in Deutsch­land wäre eine solche Ver­anstaltung zu dieser Zeit noch un­denkbar.

Freeds Anliegen

Leonard Freed versucht, mit seinen Foto­grafien der Un­wissen­heit der Deutschen über die un­sicht­bare jüdische Mino­rität in ihrem Land ent­gegen­zu­wirken. Es ist ihm ein wichtiges An­liegen – er beobachtet, wie Deutsche sich nicht mit ihrer jüngeren Ver­gangen­heit aus­einander­setzen wollen. Als er seine spätere Frau Brigitte kennen­lernt und sie bei ihren Eltern in Dort­mund besucht, sind auch seine Momente dort von diesem Ein­druck ge­prägt. Neben Freeds auf­klärerischer Moti­vation ist aber auch die Suche nach seiner eigenen jüdischen Iden­tität prägend für das Lang­zeit­projekt.

Die Umsetzung des Fotoprojekts

Brigitte und Leonard Freed wohnen Anfang der 1960er Jahre bereits mit ihrer kleinen Tochter Elke Susannah in Amster­dam. Um für das Foto­projekt gemeinsam in unter­schiedliche deutsche Städte reisen zu können, lassen sie ihre Tochter immer wieder bei ihren Groß­eltern in Dort­mund. Brigitte dolmetscht, organisiert Foto­termine und ist bei den Auf­nahmen dabei. Später stellt sie Ab­züge in der Dunkel­kammer her und be­schriftet die Foto­grafien.

Aus mehreren tausend Bildern wählt Leonard Freed 52 Motive für das Buch aus, das er 1965 auf 96 Seiten mit dem Titel Deutsche Juden heute ver­öffentlicht. Die Gestaltung ver­antwor­tet der renommierte Designer Willy Fleckhaus und mehrere Beiträge von jüdischen Intel­lek­tuellen ver­binden die Foto­grafien kon­genial mit ein­drück­lichen Texten. Zu jedem Motiv schreibt Freed selbst zum Teil sehr aus­führ­liche Bild­legenden. Im Gegen­satz zu anderen Büchern geben diese nicht seine subjektiven Ein­drücke wieder, sondern sind neutral und informativ formuliert.

Die Foto-Motive

Auch die Abfolge der Motive ist sicher­lich bewusst gewählt. Leonard Freed zeichnet sowohl skeptische als auch hoffnungs­volle Bilder mit seiner Kamera. Umgesetzt sind fünf Foto­blöcke, die jeweils durch Texte mit­einander ver­bunden sind. Den Anfang macht ein Rund­blick, der unter­schied­liche Themen in einzelnen Foto­grafien vorstellt. Das aller­erste Motiv zeigt Marmor­büsten an einer Mauer des alten jüdischen Fried­hofs in Frank­furt am Main, wen sie dar­stellen, ist nicht bekannt. Auf dem zweiten Motiv ist der jüdische Fried­hof in Worms zu sehen, einer der ältesten Europas. Beide Motive ver­deut­lichen die lange Tradition des Juden­tums in Deutsch­land und den großen Bruch durch den Holo­caust. 

Im Buch finden sich drei Motive mit direktem visuellen Bezug zu Nazi-Ver­brechen. Alle drei befinden sich im ersten Foto­kapitel: Das erste zeigt den Unter­arm einer Frau mit einer ein­tätowierten Nummer des Kon­zentrations­lagers Auschwitz, das zweite ein Gebet­buch mit ein­gelegten Foto­grafien ermordeter Familien­ange­höriger, das dritte Holz­gitter über den Blut­gräben im ehe­maligen KZ Dachau. 

Der zweite Foto­block widmet sich religiösen Aspekten der jüdischen Gemein­schaft, darunter mehrere Auf­nahmen aus der polnischen Gebets­stube in Frank­furt, aber auch Bilder einer jüdischen Hoch­zeit oder einer Bar Mizwa. Als nächstes folgen Motive zu unter­schiedlichen Berufen, ein Stein­metz, ein Textil­fabrikant, zwei Auf­nahmen einer koscheren Schlächterei. Das vor­letzte Foto­kapitel zeigt bekannte Per­sönlich­keiten. Zum Schluss richtet Freed seinen Fokus auf junge Menschen, Kinder und Jugend­liche. Dieser Ab­schluss des Buches mit größten­teils offenen und freund­lichen Bildern unter­streicht den optimis­tischen Blick des Foto­grafen. Seine Bilder zeugen von Empathie, Sensi­bilität und Ernst­haftig­keit, aber kennen auch humor­volle Details.

Ein US-amerikanischer Blick auf Deutschland

Neben jüdischen Aspekten foto­grafiert Leonard Freed seit den frühen 1950er Jahren auch immer wieder andere Motive in Deutsch­land und führt diese 1970 in dem Buch Made in Germany zusammen. Freed ist fasziniert von den Deutschen und Deutsch­land und fragt in der Ein­leitung, wie das Land in 25 Jahren aus­sehen werde. Bemerkens­wert sind einzelne kleine Texte am Ende des umfang­reichen Bild­teils, die mit Trauma I bis IV über­schrieben sind und per­sönliche Ge­schichten und Er­fahrungen zu Vor­urteilen und Anti­semi­tismus aus Freeds Per­spektive wieder­geben.

Später schreibt Freed „Dass ich in den USA geboren bin, gibt mir, so glaube ich, eine eigene, frische Per­spektive, durch die mir Dinge auffallen, die der Durch­schnitts­deutsche über­sieht.“ (Fax von Leonard Freed an Ute Eskildsen, 1990; Leonard Freed Archiv). Dies gilt sicher­lich auch für seine Foto­grafien der Serie Deutsche Juden heute aus den 1960er Jahren.

Theresia Ziehe, Kuratorin für Fotografie und Kuratorin der Ausstellung

Ich lebe (nicht) in der Bundesrepublik

Cover des Buches „ich lebe nicht in der Bundesrepublik“ von Hermann Kesten. Darauf stehen der Titel, der Name des Herausgebers und einiger Autoren, dahinter sind ein brauner und ein blauer Kreis auf grünem Hintergrund zu sehen.

„Der Bruch ist unheilbar geblieben. Es gibt keine Rück­kehr, weil es kein Vergessen und keine Tröstung geben darf.“
Manès Sperber (aus: Kesten, S. 156)

Im Jahr 1964 erscheint im Münchner Paul-List-Verlag ein Taschen­buch mit dem Titel ich lebe nicht in der Bundes­repu­blik. Als Heraus­geber fungiert der Schrift­steller Her­mann Kesten – er war 1933 vor den Nazis nach Frank­reich und von dort in die USA ge­flüchtet. Seit 1949 ameri­ka­nischer Staats­bürger, kehrte er wieder­holt zu Besuch, aber nicht end­gültig nach Deutsch­land zurück. 34 Autoren kommen in dem Band zu Wort, die Mehr­heit von ihnen jüdische Emi­granten. Wie Kesten in seiner Ein­leitung zum Buch er­wähnt, wurde es ange­regt durch ein zuvor eben­falls im List-Verlag er­schienenes Taschen­buch, das der Jour­na­list Wolf­gang Wey­rauch 1961 unter dem Titel ich lebe in der Bundes­repu­blik heraus­gebracht hatte. Sein Anliegen: eine kritische Selbstverständigung von 15 bekannten deutschen Autor*innen über Deutschland.

Die Foto­grafien von Leonard Freed ent­stehen fast alle in den Jahren 1961 bis 1962, sein Foto­band Deutsche Juden heute wird 1965 im Münchner Verlag Rütten & Loening publi­ziert. Ein­gewoben in die thema­tisch gruppierten Bild­auf­nahmen sind Essays be­kannter jüdischer In­tel­lek­tu­eller. In ihren Texten nehmen sie die Ver­fasst­heit der jüdischen Ge­meinden in der BRD und das Ver­hält­nis von Jüdinnen*Juden und Deutschen in den Blick. Drei der Autoren – Her­mann Kesten, Ludwig Marcuse und Ro­bert Neu­mann – sind auch im Taschenbuch ich lebe nicht in der Bundesrepublik vertreten. Kesten beschreibt in beiden Bei­trägen sehr ein­drücklich seine ambi­valente Hal­tung Deutsch­land gegen­über, die es ihm trotz großer emo­tionaler Ver­bunden­heit un­mög­lich macht, sich dort längere Zeit auf­zu­halten oder gar dauer­haft dort­hin zurück­zu­kehren.

Cover des Fotobandes „Deutsche Juden heute“ von Leonard Freed. Zu sehen sind ein großer Davidstern aus feinen schwarzen Linien auf weißem Hintergrund, unten stehen der Name des Autors und der Buchtitel.

„In diesen Jahren fragten mich viele: ‚Fühlen Sie sich mehr als Deutscher oder als Jude?‘ Ich weiß nicht, was mit dem Fühlen-Sie-sich? gemeint ist. Aber ich weiß genau, daß ich vor allem Jude, Jude, Jude bin – solange Juden verfolgt werden.“
Ludwig Marcuse (aus: Freed, S. 68)

Was ist das für ein Land, in dem Leonard Freed foto­grafiert? 

Die er­wähnten Publika­tionen er­öffnen eine Viel­falt von Per­spek­tiven auf die poli­tische und ge­sellschaft­liche Ver­fasst­heit der Bundes­republik Deutsch­land – weniger als 20 Jahre nach dem Ende der national­sozia­listischen Dik­tatur. Das Land hat ein doppel­bödiges Ge­sicht: „Das intel­lektuelle und mora­li­sche Klima der Bundes­republik Deutsch­land ist zwie­spältig und kurios genug. Der Kontrast zwischen den an­ständigen füh­lenden Menschen und den fühl­losen, be­wußten oder un­bewußten Zyni­kern scheint schärfer als je“, so Kesten in seiner Ein­leitung „Das ewige Exil“ (Kesten, S. 20). Wieder­kehrende Themen sind der Anti-­Kommu­nis­mus, die un­heim­liche Be­trieb­sam­keit der Deutschen und – damit ein­her­gehend – das Ver­gessen­wollen der jüngsten Ver­gangen­heit, das west­deutsche Wirt­schafts­wunder­land mit be­ginnen­dem Wohl­stand und dem Wieder­auf­bau der zer­störten Städte – „Das ganze Land sieht aus wie reno­viert“, so Kesten (Freed, S. 79). 

Die BRD ist eine frei­heit­liche Demo­kratie mit Presse­frei­heit und Ge­walten­tei­lung – neben über­zeugten Demo­krat*innen sitzen aber auch wieder alte Nazis auf guten Posten. „Die Mörder laufen frei herum“ (Robert Neumann, Kesten S. 127). Die juris­tische Auf­arbei­tung der NS-Ver­brechen hat gerade erst be­gonnen, und anti­semitische Ein­stellungen dauern fort, wenn sie auch offiziell ge­ächtet sind und juristisch be­langt werden können. Gleich­zeitig ist ein mit Schuld­gefühlen ge­paarter Philo­semitis­mus an der Tages­ord­nung, und die jüdischen Ge­meinden dieses Landes leben „in dieser Atmo­sphäre, seltsam gemischt aus schlechtem Gewissen und gutem Willen“, wie der Heraus­geber von Deutsche Juden heute, der Journalist Hans Hermann Köper konstatiert (Kesten, S. 8). 

Heim­stätte auf ver­fluchter Erde?

Alle diese Themen werden auch in einer Aus­gabe des Nach­richten-Maga­zins Der Spiegel vom 31. Juli 1963 über Jüdinnen*Juden in Deutsch­land ver­handelt. Die wöchent­lich erscheinende Zeit­schrift erreicht Hundert­tausende von Leser*innen. „Heim­stätte auf ver­fluchter Erde?“ – so lautet die Über­schrift des Titel­reports. Die Aus­gabe enthält zudem ein Inter­view mit Hendrik G. van Dam, dem General­sekretär des Zentral­rats der Juden in Deutsch­land sowie einen unter Pseudonym publi­zierten Artikel des Spiegel-Heraus­gebers Rudolf Aug­stein mit der Titel­frage „Anti­semi­tismus unter uns?“.

Cover des Nachrichtenmagazins „DER SPIEGEL“. Darauf ist ein Chanukka-Leuchter mit entzündeten Kerzen und ein blauer Davidstern zu sehen, unten auf der Titelseite steht: „Juden in Deutschland“.

„Ich bin der Meinung, daß die Bundes­republik politisch so gestaltet werden soll, daß hier Juden als Juden leben können.“
Hendrik van Dam (aus: Der Spiegel, 31. Juli 1963)

 Die Fragen, um die es in den genannten drei Publi­kationen geht, sind zeit­los und an­haltend aktuell: Wo kann und möchte ich als Jüdin oder Jude leben und wo nicht? Und warum?

Leonore Maier, Sammlungs­kuratorin und Kuratorin der Ausstellung

Symbol des ewigen „Dennoch“ – Die neue Synagoge in Düsseldorf

Elf der 52 Fotos aus der Serie Deutsche Juden heute ent­standen in Düssel­dorf. Die jüdische Gemeinde der Stadt hatte An­fang der 1960er Jahre, als Leonard Freed dort foto­grafierte, etwa 1.000 Mit­glieder und war Stand­ort wichtiger jüdischer Orga­nisationen der Nach­kriegs­zeit, wie der All­ge­meinen Wochen­zeitung der Juden in Deutsch­land unter ihrem Chef­redakteur Karl Marx sowie des Zentral­rats der Juden in Deutsch­land. 

Freed nahm vor allem einzelne Personen und Mit­glieder der jüdischen Gemeinde mit seiner Kamera in den Blick. Aber auch der Ort, an dem die Düssel­dorfer Gemeinde­mit­glieder zu Feier­lich­keiten, geselligen Zusammen­künften und Ver­anstaltungen oder zum Gottes­dienst zusammen­kamen, interessierte ihn: die neu erbaute, 1958 ein­geweihte Synagoge mit dazu­gehörigem Gemeinde­zentrum. Und so ent­stand an einem sonnigen Sommer­tag diese Außen­auf­nahme im Stadt­teil Golz­heim.

Schwarzweiß-Fotografie: Kinder spielen an einer Kreuzung vor einer Synagoge. Zwei Jungen liegen auf dem Bordstein und halten Spielzeugpistolen in den Händen. Zwei Mädchen, von denen eins einen Luftballon in der Hand hält, stehen an einer Straßenlaterne. Ein Jugendlicher in Lederhose überquert die Straße.

Leonard Freed, Neue Synagoge und neues Ge­meinde­zentrum, Düssel­dorf, 1961; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2008/305/3. 
Weitere Infor­mationen zu diesem Foto finden Sie in unseren Online-Sammlungen

Zu sehen ist die Synagoge an der Straßen­kreuzung Zieten-/Mauer­straße – das dahinter­liegende Ge­meinde­zentrum ist im Bild nicht sicht­bar. Die Bild­sprache macht das Gebäude als jüdisches Gottes­haus erkenn­bar: Über der geschlossenen Tür die Menora, der sieben­armige Leuchter, ein zentrales Symbol des Juden­tums. Darunter ein hebräischer Schrift­zug aus Psalm 26,8 „Ewiger, ich liebe die Stätte deines Hauses, den Ort, wo deine Ehre thront“. Rechts davon ein verti­kales, mit den Emblemen und hebräischen Bezeich­nungen der zwölf Stämme Israels gestaltetes Glas­fenster.

Im Vorder­grund sind spielende Kinder im Grund­schul­alter sowie ein lässig vorbei­schlendernder Jugend­licher zu sehen. Auf den erhaltenen Kontakt­bögen des publizierten Fotos finden sich parkende VW-Käfer und Autos in der Zieten-Straße, Status­symbole des im Gange befind­lichen „Wirtschafts­wunders“ in der Bundes­republik. Die Beschau­lich­keit der ruhigen Wohn­gegend, die das Bild aus­strahlt, ist trügerisch: Einer der beiden Jungen, die bäuch­lings zugewandt auf dem Bürger­steig liegen, hält eine Spiel­zeug­pistole in der Hand. Und wir wissen: bereits kurz nach ihrer Ein­weihung im Jahr 1959 wurde die Synagoge Ziel von Haken­kreuz­schmierereien.1

Nachlass von Hermann Zvi Gutmann

Das Jüdische Museum Berlin erhielt 2017 den Nach­lass des Architekten der Düssel­dorfer Synagoge, Hermann Zvi Guttmann, als Schenkung seiner Familie. Teile dieses Nach­lasses können die Besucher*innen der Dauer­ausstellung des JMB in der inter­aktiven Anwendung Familien­album digital erkunden.

Hermann Zvi Guttmann (1917–1977)

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Das Konvolut enthält umfang­reiches Material sowohl zur Planung und Ent­stehung der Synagoge und des damit ver­bundenen Gemeinde­zentrums als auch zu ihrer Ein­weihung und der Bericht­erstattung darüber. Ein großer Schatz, den wir mit der Foto­grafie von Leonard Freed in Ver­bindung setzen können, die weniger als drei Jahre nach der Ein­weihungs­feier im Sommer 1961 ent­standen ist.

Kolorierte Zeichnung auf braunem Papier. Zu sehen ist der Synagogenbau von der Straßenseite aus gesehen, dahinter ist das zugehörige Wohnhaus vage angedeutet. Passanten beleben die Szenerie.

Hermann Zvi Guttmann, Außen­ansicht der Synagoge Düssel­dorf, Frank­furt a.M. ca. 1954–1958, Diazo­typie, Gouache, Aquarell; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2017/311/406, Schenkung von Dr. Gitta Gutt­mann und Dr. Rosa Gutt­mann. 
Weitere Infor­mationen zu diesem Objekt finden Sie in unseren Online-Sammlungen

Kolorierte Zeichnung auf braunem Papier. Frontaler Blick in den im Bild weiträumig erscheinenden unmöblierten Innenraum der Synagoge in Richtung Tora-Schrein.

Hermann Zvi Guttmann, Perspektive des Innen­raums der Synagoge Düssel­dorf, Frankfurt a.M. ca. 1953–1962, Aquarell auf belichtetem Diazo­typie­papier; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2017/311/404, Schenkung von Dr. Gitta Gutt­mann und Dr. Rosa Guttmann. 
Die Synagoge hat etwa 400 Plätze, 250 davon im Erd­geschoss für die Männer, 150 auf den um­laufenden Frauen­emporen. Weitere Infor­mationen zu diesem Objekt finden Sie in unseren Online-Sammlungen

Schwarzweiß-Fotografie: Einige Männer stehen und sitzen zwischen und in den Bänken einer Synagoge. Sie tragen dunkle Anzüge und verschiedene Kopfbedeckungen. Im Bildhintergrund ist eine große, sehr helle Fensterfront. Das lässt die Personen im Vordergrund sehr dunkel erscheinen und macht das Foto sehr kontrastreich.

Leonard Freed, Vor dem Gottes­dienst in der Synagoge, Düssel­dorf, 1961; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2008/305/17.  
Auf dieser Aufnahme ist eine der Frauen­emporen im Anschnitt zu sehen. Weitere Infor­mationen zu diesem Foto finden Sie in unseren Online-Sammlungen

Die Einweihung der Synagoge am 7. September 1958 ist im Nach­lass von Guttmann her­vorragend doku­mentiert: Zum einen durch die Einladungs­karte der Synagogen­gemeinde für das Ehe­paar Guttmann mit Abbildung des gesamten Gebäude­ensembles und die Broschüre Die neue Synagoge in Düssel­dorf – mit Bei­trägen von Politikern, darunter Bundes­kanzler Adenauer, und jüdischer Repräsentanten, die die Bedeutung des Baus knapp zwanzig Jahre nach der „Kristall­nacht“ und der Zer­störung der alten Synagoge themati­sieren.

Auf der Vorderseite der Karte ist ein Foto eines Modells der Synagoge zu sehen. Rechts ist die Innenseite der Einladungskarte mit dem gedruckten Einladungstext und mehreren Unterschriften zu sehen.

Vorderseite (links) und Innenseite (rechts) der Einladungskarte zur Einweihung der Synagoge für den Architekten Hermann Guttmann und seine Frau am 7. September 1958; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2017/309/196, Schenkung von Dr. Gitta Guttmann und Dr. Rosa Guttmann.
Der Text der Einladungskarte lautet: „Die Synagogengemeinde Düsseldorf erlaubt sich ergebenst Herrn und Frau Dipl-Ing. Hermann Guttmann zur feierlichen Einweihung der neuen Synagoge, Zietenstraße Ecke Mauerstraße, in Düsseldorf am Sonntag, dem 7. September 1958 – 11:00 Uhr vormittags – herz­lichst einzuladen.“

Zum anderen enthält das Kon­volut eine Sammlung von säuber­lich aus­geschnittenen und auf­geklebten Zeitungs­artikeln, die anläss­lich der Ein­weihungs­feier in der jüdischen und nicht­jüdischen Presse erschienen waren.

Betont Bundeskanzler Adenauer in seiner Glück­wunsch­adresse mit Blick auf das Wieder­erstehen jüdischer Gottes­häuser „die Erfolge der Wieder­gut­machungs­politik“ der Bundes­regierung, so erinnert Hendrik van Dam, der Repräsentant des Zentral­rats der Juden in Deutsch­land an Rabbiner Leo Baeck und das durch ihn geprägte Wort vom ewigen „Dennoch“ als Leit­motiv jüdischer Geschichte. War es doch zunächst nach der Schoa un­vor­stell­bar, dass wieder Synagogen gebaut und Gemeinden dauer­haft bestehen würden. Und Karl Marx, Chef­redakteur der Allgemeinen Wochen­zeitung der Juden in Deutsch­land schreibt in seinem Artikel „Zeugnis des Bestehens. Was bedeutet die Ein­weihung einer Synagoge?“ vom 5. Sep­tem­ber 1958:

„Heute gibt es über die Zukunft des Juden­tums in Deutsch­land keine Zweifel mehr. Wohl ebenso­wenig wie über die Ver­gangen­heit. In dem Wissen, daß wir nicht fort­fahren können, wo die Fäden abrupt ab­ge­rissen sind, haben wir uns durch­gerungen, die Gegen­wart mit der Erinnerung an die Ver­gangen­heit zu formen. …. Wichtig ist allein die Tat­sache, daß es eine Zu­kunft für die Juden in Deutsch­land gibt.“

Wie unter­schied­lich die Per­spektiven auch sein mögen: Alle Beiträge legen Zeugnis von der hohen symbolischen Bedeutung ab, die der neuen Düssel­dorfer Synagoge und dem Gemeinde­zentrum für den Wieder­aufbau der jüdischen Gemeinden in Deutsch­land nach der Schoa bei­gemessen wird.

Leonore Maier, Sammlungs­kura­torin und Kuratorin der Ausstellung

Am 7. September 2023 veröffentlichte die Jüdische Gemeinde Düsseldorf anlässlich des 65. Jahrestages der Einweihung der Düsseldorfer Synagoge diesen Filmbeitrag von Zeev Reichard, in dem die Synagoge ausführlich vorgestellt und gezeigt wird.


  1. Landeshauptstadt Düsseldorf, Der Oberbürgermeister, Stadtmuseum (Hg.): Von Augenblick zu Augenblick. Juden in Düsseldorf nach 1945, Kapitel Antisemitismus. ↩︎

Ruth und Herbert Rubinstein: Zwei Leben in Düsseldorf

Schwarzweiß-Fotografie: Porträtaufnahme eines jungen Paares: Sie lehnt ihr Gesicht an seine Schulter und schaut in die Kamera, sein Gesicht ist ihr zugewandt und im Profil von schräg hinten zu sehen, sein Kopf lehnt an ihrem.

Leonard Freed, Junges Paar, Düssel­dorf, 1961; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2008/305/39. 
Weitere Infor­mationen zu diesem Foto finden Sie in unseren Online-Sammlungen

Ein junges Paar, beide Gesichter eng neben­einander, in inniger Pose – so foto­grafiert Leonard Freed 1961 zwei junge Menschen in Düssel­dorf. 2015 wird der Abzug, zusammen mit anderen Motiven aus der Serie Deutsche Juden heute als Leih­gabe des Jüdischen Museums Berlin in der Ausstellung Von Augen­blick zu Augen­blick – Juden in Düssel­dorf nach 1945 im Stadt­museum Düssel­dorf gezeigt. 

Im Zuge der Absprachen zur Ausstellung er­hält das bis dahin un­be­kannte Paar konkrete Namen: Ruth und Herbert Rubin­stein. Beide leben bis heute in Düssel­dorf und sind dem Jüdischen Museum Berlin nun schon einige Jahre eng ver­bunden.

Ruth Rubinstein 

Ruth Rubinstein wird 1942 in Tel Aviv geboren und wächst später in Herzlia auf. Ihre Mutter stammt aus Bad Nau­heim bei Frank­furt, ihr Vater aus Köln; beide lernen sich in Paläs­tina kennen und gründen eine Familie. Sie be­treiben einen kleinen Lebens­mittel­laden, das Leben ist hart und der Vater muss nach mehreren Herz­infarkten ein­sehen, dass er das gesund­heit­lich nicht durch­hält. 

Im Herbst 1956 zieht die Familie also not­gedrungen nach Köln, in die Ge­burts­stadt des Vaters. Ruth ist zu diesem Zeit­punkt 15 Jahre alt. Sie möchte Israel nicht ver­lassen und kann nicht ver­stehen, dass ihre Eltern aus­ge­rech­net nach Deutsch­land aus­wandern. Sie und ihre vier Jahre jüngere Schwester dürfen nichts vom Um­zug nach Deutsch­land er­zählen, sie ver­lassen das Land ohne Ab­schied, darunter leidet Ruth ganz besonders. 

In Köln wohnt die Familie gegen­über der Synagoge in der Roon­straße, die 1959 wieder ein­ge­weiht wird. Ruth kann aus dem Eltern­haus direkt auf die Synagoge schauen. Dort ver­bringt sie ihre Frei­zeit, singt im Chor und ist im Jugend­zentrum aktiv. Ihr En­gage­ment für die jüdische Gemein­schaft be­gleitet sie ihr ganzes Leben. Ihre Eltern be­treiben drei Herren­aus­statter-Ge­schäfte in Köln. Dort hilft sie hin und wieder mit, wird selbst aber Kinder­gärtnerin.

Herbert Rubinstein 

Herbert Rubinstein wird 1936 in Czerno­witz, in der heutigen Ukraine (damals Rumänien), ge­boren. Er und seine Mutter über­leben die Schoa, sein Vater wird 1945 von den Nazis er­schossen. 

Seine Mutter lernt nach dem Krieg den Auschwitz-Über­leben­den Max Rubin kennen, der ur­sprüng­lich aus Düssel­dorf kommt. Zusammen mit Herbert ziehen sie nach Amster­dam und heiraten dort. 1956 geht Herbert mit seiner Mutter und seinem zweiten Vater nach Düssel­dorf. Die Eltern fangen klein an, Max Rubin pro­duziert Damen­gürtel. 

Auch für Herbert wird die jüdische Gemein­schaft sehr wichtig, in der Jugend­arbeit der jüdischen Gemeinde ist er sehr aktiv.

Gemeinsames Leben 

Ruth und Herbert Rubinstein lernen sich auf einem Chanukka­ball in Düssel­dorf kennen. Herbert geht mit seinem besten Freund Paul Spiegel auf den Ball, Ruth kommt aus Köln. Sie tanzen mit­einander – ein Moment, der beide Leben bestimmen wird. 

1964 heiraten sie im Standes­amt in Düssel­dorf und kurz darauf in der Synagoge in der Roon­straße in Köln. Bald darauf ziehen sie nach Düssel­dorf. Dort kommt 1965 ihre Tochter zur Welt und 1972 Zwillinge, zwei Jungen. 

Auch zusammen bietet ihnen das jüdische Um­feld viel Halt, beide sind bis heute durch viel­fältige Auf­gaben mit der jüdischen Gemeinde Düssel­dorf ver­bunden: Ruth Rubin­stein ist Ehren­vor­sitzende der Ge­meinde und war mehr als 20 Jahre im Vor­stand. Auch Herbert Rubin­stein war Teil des Gemeinde­rats und ist bis heute als Zeit­zeuge und Holo­caust-Über­lebender aktiv, vor allem im Gespräch mit Schüler*innen.

Doppelporträt eines Paares. Links im Bild sind Oberkörper und Kopf eines älterer Mannes im Halbprofil zu sehen, an seiner Schulter lehnt eine etwa gleichaltrige Frau, ihr Gesicht ist im Dreiviertelprofil zu sehen. Beide lächeln und machen einen glücklichen Eindruck.

Das Ehepaar Rubinstein, Düssel­dorf, 2018; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. 2018/314/0, Foto: Stephan Pramme

Die Rubinsteins und das JMB 

Für die Ausstellung A wie Jüdisch. In 22 Buch­staben durch die Gegen­wart 2018 im Jüdischen Museum Berlin wird das Paar 57 Jahre nach der Auf­nahme von Leonard Freed erneut foto­grafiert. Stephan Pramme porträtiert die beiden am gleichen Stand­ort, der Rhein­ufer­prome­nade in Düssel­dorf, in fast identischer Pose. 

Für die aktuelle Ausstellung Deutsche Juden heute. Leonard Freed teilen Ruth und Herbert Rubin­stein wichtige Infor­mationen über die ab­ge­bildeten Situ­ationen und Personen der Foto­serie mit dem Museum. Dadurch können die 52 Motive anders kon­textuali­siert und Bio­grafien und Er­fahrungen von Ab­gebildeten zusam­men­ge­tragen werden.

Ein Mann und eine Frau sitzen an einem Tisch und betrachten zusammen eine Seites eines aufgeschlagenen Buches, beide lächeln.

Ruth und Herbert Rubinstein betrachten gemeinsam den Fotoband Deutsche Juden heute von Leonard Freed; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. Presse/3136/2, Foto: Theresia Ziehe

Ende 2024 besuchen sie die Ausstellung mit ihrer Familie, die heute aus drei Kindern, vier Enkel­kindern und zwei Urenkel­kindern be­steht. Nicht alle sind dabei, aber vier Gene­ratio­nen sind ver­treten. 

Wie schon 2018 ist auch die erneute Begeg­nung mit den beiden sehr be­ein­druckend. Vor kurzem feierten sie ihre Diamantene Hoch­zeit und beide bezeichnen den je­weils anderen als größtes Glück – und dies kann man spüren. Herbert Rubin­stein nennt seine Frau „die beste Frau der Welt“ und Ruth Rubin­stein er­zählt von ihrem Vater, der auf die kritische Nach­frage der Tochter, warum die Eltern Israel ver­lassen hätten, ein­mal er­widerte: „Wenn wir nicht aus­gewandert wären, hättest du niemals diesen Gold­schatz kennen­gelernt.“

Ein älterer Mann und eine ältere Frau stehen in einer Fotoausstellung händchenhaltend vor einem Schwarz-Weiß-Foto, auf dem sie als junges Paar abgebildet sind.

Ruth und Herbert Rubinstein in der Ausstellung Deutsche Juden heute. Leonard Freed; Jüdisches Museum Berlin, Inv.-Nr. Presse/3136/1, Foto: Theresia Ziehe

Theresia Ziehe, Kuratorin für Fotografie und Kuratorin der Ausstellung

„Noch ein Buch über die Juden?”

Blickt man genauer auf die Publi­kations­geschichte von Deutsche Juden heute, tun sich über­ra­schende Ver­bindungen zwischen den be­teiligten Akteuren auf. Freed trifft bei der Reali­sierung seines Buch­projekts auf Personen, denen es ein An­liegen ist, gegen Geschichts­ver­gessen­heit und auf­klärerisch in die deutsche Öffent­lich­keit hinein­zu­wirken. Und so er­scheint 1965 die Original­aus­gabe von Leonard Freeds Deutsche Juden heute mit dem von Willy Fleckhaus gestalteten Cover im Rütten & Loening Ver­lag. Sie wird prä­miert als eines der schönsten Bücher des Jahres und auf der Frank­furter Buch­messe aus­ge­stellt.

Kurz darauf kommt das Buch in einer Lizenz­aus­gabe des Bertels­mann-Lese­rings auf den Markt. In einer höheren Auf­lage – 10.000 versus 2.000 Exemplare und um die Hälfte billiger als im Buch­handel. Buch­um­schlag ist dies­mal der Aus­schnitt eines Fotos aus der Serie von Freed mit Kindern und Jugend­lichen beim Chanukkafest. Das An­gebot des Buch­clubs richtet sich an ein breites Massen­publikum – 1960 zählt der Lese­ring 2,5 Millionen Mit­glieder.

Cover der Erstausgabe (links) bzw. der Bertelsmann-Lesering-Ausgabe (rechts) von „Deutsche Juden heute“.

Cover der Erstausgabe (links) bzw. der Bertelsmann-Lesering-Ausgabe (rechts) von Deutsche Juden heute

1966, in der ersten und zweiten Quartals­aus­gabe der Lese­ring-Illus­trier­ten wird die Lizenz­aus­gabe als Neu­er­schei­nung annon­ciert. Der aus­führ­liche An­kündi­gungs­text rekurriert mit seiner Ein­gangs­frage „Noch ein Buch über die Juden?“ auf verbreitete anti­jüdische Ein­stellungen und em­pfiehlt auf diesem Hinter­grund den Kauf des Buches, als ein „leben­diges Zeug­nis einer leben­den Mino­rität: der deutschen Juden heute“.

Zeitungsseite mit sieben kürzeren Buchbesprechungen ohne Bebilderung sowie zwei ausführlicheren Rezensionen mit Bebilderung, darunter die zu Freeds Fotoband, zu der das Foto einer Trauzeremonie gesetzt wurde.

Zeitungsseite aus der Lese­ring-Illus­trier­ten, 1. Quartal März 1966, mit dem Ankündigungstext zu Deutsche Juden heute von Leonard Freed.
Der Ankündigungstext lautet:

Leonard Freed 
Deutsche Juden heute

95 Seiten Kunst­druck­papier, davon 21 Seiten Text und 65 Seiten mit 52 Schwarz­weißfotos. Groß­format 20,6 x 25 cm. Gebunden

„Noch ein Buch über die Juden?” wird sich manch ein Leser zuerst fragen und dann erstaunt fest­stellen, daß die Autoren dieses Buches beinah der gleichen Mei­nung sind, denn sie stellen frei­mütig fest, daß durch allzu krampf­haftes Bemühen um dieses Thema den wenigen in Deutsch­land ver­bliebenen Juden – es sind etwa 21.000 – nicht geholfen wird, ja, daß der eifrig geübte offizielle Philo­semi­tis­mus alte Ressenti­ments weckt und die Juden wieder zu einer arg­wöhnisch beo­bachteten Minder­heit werden läßt. „Wir wollen keine Sonder­behand­lung”, sagt Robert Neu­mann recht drastisch in seinem Text­beitrag, „– nicht die Himmler­sche noch jene, die uns wie rohe Eier behandeln und in Gold fassen will. Das einzige Recht, das ich für uns in An­spruch nehmen will, ist das Recht auf unsere Sünden: falsch zu parken wie jeder Auto­fahrer; nachher den müde­gefahrenen Wagen samt seinen heim­lichen Mängeln einem un­glückseligen Käufer anzu­drehen wie alle anderen; nachts auf der Straße betrunken zu ran­da­lieren oder sogar Raub und Tod­schlag zu be­gehen – und trotz­dem von jenen anderen nur zu hören: der Meier hat es getan; nicht der Jude Meier hat es getan... Erst dann, so scheint mir, wird es mit dem Anti­semi­tismus in Deutsch­land zu Ende sein.

Die stillen humanen Bilder dieses Buches sprechen für sich und geben zusammen mit den eigen­willigen Text­beiträgen ein lebendiges Zeugnis einer lebenden Minorität: der deutschen Juden heute. 
Bestell-Nr. 1489 
Vorzugspreis 11.- DM

Wie kam es zur Ver­öffentlichung von Deutsche Juden heute und wer war daran beteiligt?

Der Literatur­agent Hein Kohn

Zur Vor­geschichte der Publikation gehört das erste Buch- und Foto­projekt von Freed in Amster­dam, wo er seit 1957 lebte. Ein Jahr lang foto­grafierte er dort in der jüdischen Gemeinde - sein Buch Joden van Amster­dam, mit Text eines Jour­nalisten beim Algemeen Handels­blad erschien Ende 1958 und erfuhr in den Nieder­landen große öffent­liche Resonanz. Mit diesem Erfolg reifte ver­mutlich die Idee, ein ähn­liches Projekt in Deutsch­land zu machen, und hier kam mög­licher­weise der Ver­leger und Literatur­agent Hein Kohn ins Spiel. Sein Name er­scheint 1961 als Ver­mittler im Lizenz­ver­trag zwischen Leonard Freed und dem Verlag Rütten & Loening.1

Kohn war 1933 aus Deutsch­land in die Nieder­lande geflüchtet und seit­dem ein wichtiger Akteur und Brücken­bauer in der deutsch-nieder­ländischen Verlags­welt. Der Verlag Rütten & Loening sowie die Autoren der Text­bei­träge im Buch von Freed waren Teil des pro­fes­sio­nellen Netz­werks von Kohn und seinem 1951 ge­grün­deten Inter­nationaal Literatur Bureau. Wann und unter welchen Um­ständen sich der Fotograf und Hein Kohn kennen­lernten, wissen wir nicht. Es lässt sich jedoch ziem­lich sicher ver­muten, dass das Buch­projekt von Freed in der Kom­bi­nation von Bildern und essayis­tischen Texten unter maß­geb­licher Beteili­gung von Kohn zu­stande kam.

Hein Kohn (1907–1979)

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Der Programmchef Karl Ludwig Leon­hardt

Ein weiterer Akteur, dessen Name und Unter­schrift im Lizenz­ver­trag auf­tauchen, ist der Geschäfts­führer von Rütten & Loening (seit 1960 Teil des Bertels­mann Verlags), Karl Ludwig Leon­hardt, der gleich­zeitig Chef­lektor des Bertels­mann-Lese­rings war. Er ver­körperte im Verlag einen Gene­rationen­wechsel und war ver­ant­wort­lich dafür, dass Titel in das Pro­gramm auf­ge­nommen wurden, die sich mit der Nazi­ver­gangen­heit kritisch aus­einander­setzten. So war im Lese­ring bereits 1958 das Tage­buch der Anne Frank auf­gelegt worden. 1960 erschien das bahn­brechende Werk Der Gelbe Stern von Ger­hard Schoen­berner mit ver­stören­den Fotos über die Juden­ver­fol­gung in Europa in einer Auf­lage von 100.000 Exem­plaren.2

Mit dem Buch von Leonard Freed wurden auf der Seite der Lese­ring-Illustrier­ten mehrere Bücher annon­ciert, die die jüngste Ver­gangen­heit in den Blick nahmen: Die Text­doku­mente und Augen­zeugen­berichte Wir haben es gesehen über die Juden­ver­fol­gung im Dritten Reich, die Erinne­rungen von Max Tau, der aus Deutsch­land nach Nor­wegen ge­flüchtet war, ebenso wie Romane von Leon Uris oder journa­listische Reise­berichte in die DDR mit dem Thema der deutschen Teilung.

Cover aller genannter Buchtitel in der Bertelsmann-Lesering-Ausgabe mit Ausnahme von Leon Uris „Exodus“, von dem lediglich der Buchrücken zu sehen ist (2. von rechts).

Nur in Aus­nahme­fällen besitzt das JMB die Lizenz­aus­gaben des Bertels­mann-Lese­rings. Hier eine Aus­wahl der Buch­titel aus der Biblio­thek des JMB aus dem Pro­gramm des Lese­rings, hinter dem Titel ist jeweils das Jahr an­ge­geben, in dem der Titel als Neu­er­schei­nung in der Lese­ring-Illustrier­ten mit aus­führ­licher Inhalts­be­schrei­bung annonciert wurden (von links nach rechts): Anne Frank: Das Tage­buch der Anne Frank (1958), Ger­hard Schoen­berner: Der gelbe Stern (1961), Moscheh Ya’akov Ben-Gavriêl: Das Haus in der Karpf­gasse (1962), Max Tau: Das Land, das ich verl­assen musste (1964), Gerhard Schoen­berner (Hg.): Wir haben es gesehen (1964), Leon Uris: Exodus (1965), Simon Wiesen­thal: Doch die Mörder leben (1968).

Die Zeitschrift twen

Weitere Akteure, die den Ton und das Er­schei­nungs­bild von Deutsche Juden heute prägen, sind der Jour­nalist Her­mann Köper und der Designer Willy Fleck­haus. Beide lassen sich mit der Zeit­schrift twen in Ver­bindung bringen. Fleck­haus war 1959 ihr Mit­be­gründer und ve­rant­wortete ihre stil­bildende Gestal­tung, Köper ver­fasste Text­beiträge für twen. In Deutsche Juden heute fungiert er als Mit­heraus­geber, ver­antwort­lich für die Text­redaktion des Bandes sowie das Ver­fassen der Ein­lei­tung. 

Zwei farbige Zeitschriftencover, die mit „Twen“ und dem Text des jeweiligen Aufmachers beschriftet sind. Auf jedem der Cover ist außerdem ein großformatiges Porträt einer Frau abgebildet, beide ähneln sich insofern, dass sie jung, brünett und braunäugig sind.

Cover der Zeitschrift twen, links mit dem Aufmacher „Eine Jüdin sieht Deutschland” (Jg. 3 (1961), Heft 7) und rechts mit dem Aufmacher „Was ist mit den Juden?” (Jg. 4 (1962), Heft 3)

Twen richtete sich an ein jüngeres Ziel­publi­kum und widmete sich neben Life­style-Themen auch gesell­schafts­poli­tischer Bericht­er­stattung. In zwei ihrer Aus­gaben An­fang der 1960 Jahre – in der Zeit, als Freed seine Fotos in Deutsch­land machte – titelte die Zeit­schrift „Eine Jüdin sieht Deutsch­land“ und „Was ist mit den Juden?“ und machte die Ein­stellungen der Deutschen gegen­über Jüdinnen und Juden promi­nent zum Thema. Die groß­teils anti­semi­tischen Reaktionen auf den Artikel von Mary Lea Meyer­sohn Kann man in Deutsch­land leben? wurden mit redaktionellen Kommentaren in einem der folgenden Hefte ver­öffentlicht.3

Deutsche Juden heute bleibt bei Bertels­mann drei Jahre bis 1968 im Pro­gramm. Von beiden Auf­lagen werden in dieser Zeit über 4.000 Exemplare ver­kauft.

Leonore Maier, Sammlungs­kuratorin und Kuratorin der Ausstellung


  1. Vertrag vom 23. November 1961, Bertels­mann Unter­nehmens­archiv, Signatur 0011/17. Die Autorin dankt Herrn Knura vom Bertels­mann Unter­nehmens­archiv für die freund­liche Unter­stützung bei der Recherche.↩︎
  2. Siegfried Lokatis: Ein Konzept geht um die Welt. Vom Lese­ring zur Inter­nationali­sierung des Club­geschäfts, in: Bertels­mann AG (Hrsg.): 175 Jahre Bertels­mann. Eine Zukunfts­geschichte, Mün­chen 2010, S. 144ff ↩︎
  3. twen Jg. 3 (1961), Heft 7, darin: Mary Lea Meyer­sohn: Kann man in Deutsch­land leben?, Seite 32–37 sowie twen Jg. 4 (1962), Heft 3: Was ist mit den Juden? Twen antwortet auf graue Leser­briefe ↩︎
Schwarzweiß-Fotografie: Festlich gekleidete Menschen beim Tanzen, im Hintergrund ist eine mit zwei israelischen Fahnen geschmückte Bühne zu sehen, auf der eine Musikkapelle spielt.

Alle Angebote zur Ausstellung Deutsche Juden heute. Leonard Freed

Über die Ausstellung
Aktuelle Seite: Deutsche Juden heute. Leonard Freed – 11. Nov 2024 bis 27. Apr 2025, mit allen Fotos aus der Ausstellung und Essays der Kuratorinnen
Begleitprogramm
Kuratorinnenführung mit Leonore Maier oder Theresia Ziehe – Do, 23. Jan & 13. Feb & 13. & 27. Mär & 10. Apr 2025, jeweils um 16 Uhr
„Deutsche Juden heute” – eine Diskussion aus den 1960er Jahren – Podiums­gespräch am 18. Mär 2025
Siehe auch
Leonard Freed, Fotograf
Leonard Freeds Fotografie von Hugo Spiegel

Informationen zur Ausstellung im Überblick

  • Wann 11. Nov 2024 bis 27. Apr 2025
  • Eintritt frei. Online-Tickets für ein bestimmtes Zeitfenster erwerben Sie vor Ihrem Besuch im Ticket-Shop oder direkt an der Kasse.
  • Wo Libeskind-Bau EG, Eric F. Ross Galerie
    Lindenstraße 9–14, 10969 Berlin
    Zum Lageplan
Label mit der Beschriftung „Kuratiert aus der JMB Sammlung“
Ausstellungsimpressum

Kuratorinnen

Leonore Maier
Theresia Ziehe

Projektmanagement

Daniel Ihde

Ausstellungsgrafik

Team Mao, Berlin (Siyu Mao und Björn Giesecke)

Webseite

Dagmar Ganßloser

Marketing & Kommunikation

Sandra Hollmann

Kampagnengrafik

bürominimal / Hanno Dannenfeld und Kristina Friske

Grafikproduktion

Fotoreklame Gesellschaft für Werbung FRG mbH

Exponateinrichtung und Ausstellungswartung

Leitwerk Servicing

Übersetzungen

Jake Schneider
SprachUnion

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