– und andere religiöse Verwandlungen
Im Sommer letzten Jahres ging ein globales Kichern durch die jüdische Onlinegemeinde, als ein eBay-Händler einen Navajoanhänger in Form eines Elchs zum Verkauf anbot. Dieses als »einzigartiger, originaler Navajo Elchanhänger, 925 Silber, 0,8 Gramm« beschriebene Schmuckstück war eigentlich ein jüdisches Amulett in Form des hebräischen Worts »chai«. Das Motiv, das übersetzt »Leben« bedeutet, ist beliebt und unter jüdischem Schmuck häufig zu finden. Es besteht aus den zwei Buchstaben Chet und Jod, die eigentlich kaum mit einem Tier zu verwechseln sind. Doch bei diesem Anhänger waren die Buchstaben schematisch und miteinander verbunden dargestellt, so dass sie tatsächlich wie ein Tier mit Hörnern im typisch indianischen Stil aussahen.
Gerade weil es unabsichtlich geschah, illustriert dieses Versehen, wie Symbole und Zeichen von einer Kultur in eine andere gelangen, sich dabei verwandeln und neue Mythen entstehen lassen können. Offensichtlich sind insbesondere Talismane, Amulette und Glücksbringer dazu bestimmt, kulturelle Grenzgänger zu sein. In der Ausstellung »1001 Amulett. Schutz und Magie – Glaube oder Aberglaube?« des Jüdischen Museums in Basel (in Zusammenarbeit mit dem Freiburger Bibel + Orient Museum), wird gezeigt, wie unterschiedliche Kulturen über Jahrtausende hinweg ihre jeweiligen Motive miteinander getauscht, sie abgewandelt und sich zu eigen gemacht haben. Das »1001« im Titel spielt dabei auf die mittelalterlich-arabische Geschichtensammlung 1001 Nacht an.
Folglich zeigen viele der ausgestellten Amulette Motive, die sowohl in der jüdischen als auch in der arabischen Kultur beheimatet sind. Dazu gehört der Skarabäuskäfer ebenso wie die Hand der Fatima (chamsa), die auf dem Ausstellungsposter abgebildet ist.
Auch in Europa kam es zwischen Juden und Christen häufiger zum religiösen, ikonografischen Austausch. In seiner umfangreichen Studie über jüdische Magie und Aberglauben aus dem Jahr 1939 zeigt Joshua Trachtenberg unter anderem, dass auch diverse christliche Artefakte mit jüdischen und angeblich magischen Motiven versehen wurden.
Dazu gehörten Psalmverse, aber auch Buchstaben, die, wenn die Kenntnisse nicht ausreichten, die hebräische Schrift zu imitieren versuchten.
In der Spätantike hielten immer wieder Tierkreiszeichen und andere griechisch-römische Symboliken Einzug in jüdische Gotteshäuser, wie etwa in die Synagoge Beit Alfa aus dem 6. Jahrhundert, die in der Nähe von Beit-Sche’an liegt. Auf einem Bodenmosaik ist hier bis heute der Sonnengott Helios im Zentrum einer kreisförmigen Anordnung von Sternbildern zu sehen – eine Darstellung des heidnischen Polytheismus, die gegen das jüdische Bilderverbot verstößt. Jean Seznec, dessen Hauptwerk Das Fortleben der antiken Götter ein Jahr nach Trachtenbergs Studie erschien, zeigte anhand von Anverwandlungen wie etwa in dem Mosaik der Synagoge Beit Alfa, dass die griechische und römische Götterwelt keinesfalls mit dem Ende der antiken Weltordnung verschwand. In der Kunst des Mittelalters nahm sie allerdings zum Teil christliche Züge, wie etwa Heiligenscheine, an. Pluto, der Gott der Unterwelt, wurde dabei mit einer eigenartigen Requisite versehen: In einem Manuskript des Bischofs Hrabanus Maurus aus dem 9. Jahrhundert hält er einen Krug im Arm. Seznec führt dies auf einen Lesefehler zurück: orca (Krug) statt orcus (Reich der Toten).
Angesichts der Geschichte religiöser Tauschaktionen ist es beinahe schade, dass die wahre Natur des auf eBay angebotenen Navajo-Elchs enthüllt wurde. Wer weiss, welche neuen Erzählungen er sonst hervorgebracht hätte?
Naomi Lubrich, Medien